Newsletter 4 / 15. Januar 2004
Der SIG und seine Strukturen - Die Haltung der Geschäftsleitung SIG
Nach der Abstimmung über den Rekurs der Liberalen Gemeinden Or Chadasch und Communauté Libérale de Genève an der letztjährigen Delegiertenversammlung wurden Stimmen laut, welche mehr Initiative der Geschäftsleitung forderten oder sogar behaupteten, die Geschäftsleitung habe diese wichtige Frage in den letzten Jahren vernachlässigt und sei nicht daran interessiert, Lösungen zu suchen und zu erarbeiten. Bereits schwirren wieder vielfältige Vorschläge für eine Neustrukturierung des Verbandes, welche eine Aufnahme der Liberalen ermöglichen sollte, durch die jüdischen Gemeinden der Schweiz. Vor allem die Initiative der 5 Einheitsgemeinden beschäftigt sich mit der Struktur des Dachverbandes. Es werden auch Vorschläge diskutiert, welche nur ausserhalb des bestehenden SIG Lösungen für möglich halten.
Es ist uns deshalb ein Anliegen, auf diesem Wege festzuhalten, welche Bemühungen von Seiten der GL des SIG ausgingen und weiter ausgehen werden, um den Dachverband der jüdischen Gemeinden der Schweiz zu modernisieren und alle Juden unter einem Dach zu vereinen.
Was bis zur Delegiertenversammlung 2003 geschah.
Viele Kommissionen - viele Vorschläge
Bereits unter dem Präsidium von Dr. Rolf Bloch und noch lange vor der Diskussion um die Rolle der Schweiz im 2. Weltkrieg, schlug eine Kommission vor, die Ressorts "Religiöses", "Kultur" und "Jugend" aus dem SIG auszugliedern und in eine neu zu gründende Stiftung zu überführen. Damit wären die Aktivitäten des SIG auf diejenigen beschränkt gewesen, welche die Delegiertenversammlung des Jahres 1992 für die Zusammenarbeit mit den liberalen Gemeinden definierte. Eine weitere Kommission unter der Leitung von Philippe Lévy (Bern) versuchte die Umformung des SIG in einen Schweizer "CRIF", also in einen Dachverband der jüdischen Organisationen statt der jüdischen Gemeinden. Auch in Bezug auf die Repräsentanz der kleinen und Kleinstgemeinden wurde nach neuen Strukturen gesucht. Die Kommission unter Leitung von Dr. Felix Liatowitsch (Basel) schlug vor, das Centralcomité zu verkleinern und den grösseren Gemeinden mehr Gewicht zu geben.
Hier sind nur die wichtigsten Kommissionen erwähnt, welche in den letzten Jahren versuchten, dem SIG eine neue Struktur zu geben. Leider nahmen die meisten Vorschläge nicht einmal die Hürde des CC, geschweige denn diejenige der Delegiertenversammlung. In Bezug auf die Aufnahme der Liberalen Gemeinden hatte keiner der genannten Vorschläge bei den Orthodoxen Gemeinden, respektive derer Rabbiner, eine Chance.
Das Aufnahmegesuch der liberalen Gemeinden
Im November 2001 traf das offizielle Aufnahmegesuch der Gemeinde Or Chadasch ein, am 1. Mai 2002 das der Communauté Libérale de Genève. Bis Ende 2001 wurden innerhalb der GL 7 mögliche Szenarien ausgearbeitet, welche eine neue Regelung der Beziehungen zwischen dem SIG und den liberalen Gemeinden vorsahen. Im Januar 2002 traf sich die Geschäftsleitung zu einer Klausursitzung, welche sich ausschliesslich dem Thema "Aufnahme der Liberalen Gemeinden" widmete und die von Dr. Josef Bollag erarbeiteten, weitgespannten Szenarien diskutierte. Im Februar traf sich eine Delegation der GL mit den Rabbinern Breisch, Levy und Schmerler, um diese Möglichkeiten zu diskutieren. Im März gaben die Rabbiner schriftlich bekannt, dass keine Lösung, welche über den Kompromiss von 1992 herausgeht, akzeptiert werden kann.
Parallel zu diesen Bemühungen traf sich eine Delegation der GL ebenfalls mit Vertretern des Vorstandes der Or Chadasch und ihrem Rabbiner Tovia Ben Chorin, um Vorschläge für eine Lösung des schwelenden Konflikts zu finden. Leider auch hier ohne Erfolg.
Im Juni 2002 lehnte das Centralcomité die Gesuche beider Gemeinden ab. An mehreren Sitzungen während des Sommers beschäftigte sich die GL weiter mit der Problematik und traf sich im Herbst noch einmal mit den Präsidenten, den Mitgliedern des CC und weiteren Vorstandsmitgliedern der orthodoxen Gemeinden. Zwei neu von der GL erarbeitete Szenarien dienten als Diskussionsgrundlage. Es konnte aber keine Annäherung der Standpunkte erreicht werden.
An der Delegiertenversammlung in Bern wurde bekanntlich auch der Rekurs beider Gemeinden abgelehnt. Eine Mehrheit der Delegierten hatte sich zwar zugunsten der Aufnahme ausgesprochen, die statutarisch vorgesehene 2/3 Mehrheit wurde aber verfehlt.
Wie weiter - die Geschäftsleitung nimmt ihre Führungsverantwortung wahr.
Es ist vorauszuschicken, dass sich die Geschäftsleitung an den demokratisch gefällten Entscheid der Delegierten zu halten hat. Dieser ist gemäss den gültigen Statuten gefallen und muss von der GL und allen anderen Organen des SIG respektiert werden.
Trotzdem hat sich die Geschäftsleitung bereits an der ersten Sitzung nach der DV intensiv mit dem Ergebnis der Abstimmung befasst und nach den Sommerferien die erste, in der ersten Januarwoche nun die zweite Klausurtagung zum Thema "SIG und die Liberalen Gemeinden", resp. "neue SIG Strukturen" durchgeführt.
Kein Delegieren der Führungsverantwortung
Die Geschäftsleitung ist sich im klaren, dass in weiten Teilen der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz ein Unbehagen über die jetzige Situation herrscht. Viele Juden der Schweiz wünschen sich einen Dachverband, welcher wirklich alle Juden der Schweiz vertritt. Die GL erachtet es als ihre vordringliche Aufgabe zu den genannten Themenkreisen konkrete Konzept zu erarbeiten und diese innerhalb der SIG Gremien (Centralcomité und Delegiertenversammlung) zu diskutieren. Diese Aufgabe kann nicht einfach an Dritte delegiert werden. Es ist für die GL von höchster Wichtigkeit, dass es nicht zu einer Spaltung des Verbandes kommt. Dies würde die Vertretung der Schweizer Juden schwächen.
Road Map kann zum Ziel führen
Die GL hat letzte Woche eine "Road Map" verabschiedet, welche in den kommenden Wochen und Monaten sowohl mit den beiden liberalen Gemeinden, als auch den Mitgliedgemeinden des SIG diskutiert werden soll. In mehreren Schritten sollen Strukturveränderungen besprochen und an die Hand genommen werden. Es ist hier aber auch festzuhalten, dass eine solche Strukturbereinigung nicht von einem Tag auf den anderen erreicht werden kann, wenn die demokratischen Gepflogenheiten nicht ausser Acht gelassen werden. Es gilt jetzt, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.
Die GL ist sich einig
Alle Mitglieder der Geschäftsleitung stehen hinter den getroffenen Beschlüssen und dem hier skizzierten Vorgehen und werden versuchen, diese Pläne auch konkret in die Tat umzusetzen.
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