SIG ENewsletter 5-05 / 20. Mai 2005

Special 100. Delegiertenversammlung 2. Teil

 

Eintrag von Dr. Michael Kohn ins Goldene Buch des SIG

Ein Highlight der feierlichen Eröffnung der Delegiertenversammlung war sicherlich der Eintrag von Michael Kohn in das goldene Buch des SIG. In seiner kurzen Laudatio erwähnte der SIG Präsident Prof. Alfred Donath besonders Dr. Michael Kohns Durchschlagskraft und sein Engagement in Politik und Gesellschaft für jüdische Anliegen.

In gewohnt souveräner Art und Weise dankte der Geehrte mit einer eindrücklichen, witzigen aber auch tiefsinnigen Rede.

Er legte vor allem Wert darauf, dass sich die Schweizer Juden und der SIG gegen aussen und innen engagieren und sagte dazu: "Um auf seiner Gymkhana besser durchzukommen, sollte sich der SIG eine bewährte Verhaltensregel zu eigen machen: "Stärkung nach Innen, Öffnung nach Aussen". Während meiner Amtszeit hatte ich dieses Motto lanciert und bin erfreut, dass Präsident Donath dieses Hausrezept mit Engagement anwendet."

Abschliessend gab er den Anwesenden folgende Worte mit auf den Weg:" Was uns alle, liebe Freunde, Kollegen und Weggefährten schliesslich verbindet, ist die Tradition und das Gefühl eines gemeinsamen Schicksals. Tradition aufrechterhalten heisst jedoch nicht, die Asche aufbewahren, sondern das Feuer am Leben erhalten, das uns über die Jahrtausende beseelt hat. Wir sollten nicht Juden sein, weil es Antisemitismus gibt, sondern weil wir Juden sind. Wir sollten nicht erst Juden werden, wenn es unsere Gegner so wollen, sondern Juden sein, weil wir eine Geschichte, einen Glauben und ein Wertsystem zu verteidigen haben."

Die ganze Rede von Dr. Michael Kohn ist unter www.swissjews.org/sites/kohn.html abrufbar.

Der von Dr. Michael Kohn als "Götti" eingeladene Bundesrat Moritz Leuenberger hielt eine ausserordentliche Laudatio auf den "Energiepapst". Mit gewohntem intellektuellem Humor betonte er, wie stolz er auf sein «interdisziplinäres Göttikind» sei, "das in Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Religion und Politik zu Hause ist".

Die ganze Laudatio von Bundesrat Moritz Leuenberger ist unter www.swissjews.org/sites/leuenberger.html abrufbar.


Der Eröffnungsabend wurde von den Delegierten und Gästen allgemein als äusserst gelungen bezeichnet. Ebenso wie das reichhaltige von der Israelitischen Gemeinde Basel offerierte Buffet. 

DV des VSJF und des SIG, Donnerstag, 5. Mai 2005

Am Donnerstag trafen sich die Delegierten und eine stattliche Zahl von Zuschauerinnen und Zuschauern zur ordentlichen Delegiertenversammlung des VSJF und des SIG. Die Ressortleiterinnen und -leiter informierten die Anwesenden über die Aktivitäten in ihren Bereichen und ergänzten den gedruckten Jahresbericht.

In der Folge erhalten Sie einen kurzen Überblick über die wichtigsten Themen aus den Ressorts:.

Verteilung von Geldern an bedürftige Überlebende der Shoah

Die Präsidentin des VSJF, Doris Krauthammer, konnte den Delegierten gute Nachrichten übermitteln.

Der VSJF hat aus einem Legat von einem Flüchtling Geld zur Verteilung an bedürftige Überlebende der Shoah erhalten, die in der Schweiz leben. Auf Grund der Liste, welche der VSJF zur Zeit des Schweizer Holocaust Fonds erstellt hat und der Kontakte, die der VSJF mit Überlebenden der Shoah in der Schweiz pflegt, wurden 96 Personen ausgesucht, an die je Fr. 7'500.- ausbezahlt werden konnten.

Dabei hat der VSJF auch festgestellt, dass schon 20% der Personen die in den Genuss des bescheidenen Betrages von Fr. 1'000.- aus dem Holocaust Fond kamen, verstorben sind. Dies zeigt klar auf, dass jetzt Eile bei der Auszahlung von Geldern geboten ist.

Die Bedürftigen in der Schweiz werden in der Regel nicht selbst aktiv, da sie niemandem zur Last fallen und auch nicht "betteln" möchten. Die vom VJSF angebotene Hilfe wurde aber gerne angenommen, was viele Dankesbriefe beweisen.


Medienarbeit des SIG

Auch an der diesjährigen Delegiertenversammlung wurde die Medienarbeit des SIG heftig kritisiert. Einige Delegierte verlangten eine Verbesserung der Medientätigkeit und eine Professionalisierung der Kommunikation innerhalb des SIG. So wurde unter anderem verlangt, dass der oder die Kommunikationsverantwortliche ein Mitglied der GL sein solle oder wenigstens an allen Sitzungen teilnehmen könne um eine schnelle und effiziente Medienarbeit zu gewährleisten. Auch die Reaktion auf Artikel zu jüdischen Themen und Israel in den Zeitungen wurde diskutiert.

Grund genug für Dr. Josef Bollag den Delegierten die Grundsätze und das Konzept der SIG-Medienarbeit zu erklären.

Die Medienarbeit des SIG ist in zwei Teile gegliedert. Nämlich in die Medienstelle SIG, welche die "aktive" Medienarbeit verrichtet. Sie wird von Thomas Lyssy betreut, der direkt dem Präsidenten, Prof. Alfred Donath, unterstellt ist. Thomas Lyssy berät ihn in Medienfragen, erstellt Medienmitteilungen und steht im laufenden Kontakt mit den wichtigsten Medien der Schweiz um Interviews, Artikel oder Beiträge in den elektronischen Medien zu initiieren. Daneben ist er Ansprechpartner für die Medien und für die Erstellung des SIG eigenen E-Newsletters verantwortlich.

Die Medienstelle ist mit den Medien der gesamten Schweiz in Kontakt.

Das zweite Standbein ist "Media Watch", aktiv in der Überwachung von Printmedien in Bezug auf jüdische Themen und Israel. Media Watch ist ein gemeinsames Projekt des SIG und der Plattform der Jüdischen Liberalen Gemeinden der Schweiz PJLGS. In der Geschäftsleitung des SIG ist Dr. Josef Bollag für Media Watch verantwortlich.

Media Watch arbeitet auf eine sehr einfache und effiziente Weise. Von komplizierten Abläufen kann keine Rede sein:

  1. Die Medienstelle des SIG informiert sich täglich, meist schon am Morgen, in der Mediendatenbank der AKdH über die erschienenen Artikel.
  2. Wird eine Reaktion für sinnvoll und nötig erachtet, werden die Mitglieder der Media-Watch Arbeitsgruppe, engagierte Persönlichkeiten und Medienprofis, sofort per E-Mail informiert und gleichzeitig geklärt, wer auf welche Art reagieren soll.

Bisher sind rund 20 Leserbriefe geschrieben worden, 5 davon wurden abgedruckt. Zwei Mal musste bei Chefredaktoren interveniert werden.

Weiter konnte festgestellt werden, dass sich die Tonalität der Artikel gegenüber Israel deutlich entspannt hat. Trotzdem kann noch keine Entwarnung gegeben werden.

Media Watch beschränkt sich auf die Medienüberwachung in der Deutschschweiz. In der Romandie wird diese Arbeit schon seit vielen Jahren von der CICAD übernommen.


 

Meldestelle für antisemitische Vorfälle

Seit September 2004 wird die SIG-Meldestelle von der Aktion Kinder des Holocaust (AKdH) geführt. Bisher wurden 31 Fälle gemeldet, davon waren 20 strafrechtlich relevant. Die Palette der Vorfälle war recht gross und umfasste Delikte von Hitlergruss über antisemitische Briefe und E-Mails bis zu Schmierereien.

Die Meldestelle ist auch im steten Kontakt mit den Behörden, berät Interessierte und Betroffene, beantragt die Löschung von Websites und stellt - wenn nötig - auch Strafanzeigen.

Antisemitische Vorfälle in der Romandie können - wie gehabt - der CICAD gemeldet werden, welche die selben Dienstleistungen anbietet wie die AKdH.


Bildungsprojekte

Likrat

Das Leadership- und Dialogprojekt Likrat befindet sich bereits im dritten Jahr und hat bis anhin 1'800 Schülerinnen und Schüler in gegen 100 Schulklassen der deutschsprachigen Schweiz erreicht.

Dieses Jahr wurden für die Begegnungen neu die Sekundarschulen als weitere Zielgruppe hinzugenommen. Dabei hat sich gezeigt, dass Begegnungen mit SekundarschülerInnen tendenziell sogar lebhafter sind als mit Gymnasiasten, da die Sekundarschüler in der Regel weniger Hemmungen haben, Fragen zu stellen und deshalb die Vortragenden dementsprechend mehr gefordert werden.

Der nächste Ausbildungszyklus beginnt im September 2005 und dauert bis Februar 2006, wobei das mehrtätige Seminar vom 10.-13. Oktober, während den Herbstferien stattfinden wird. Wiederum werden die Jugendlichen über die Gemeindepost angeschrieben werden, dieses Mal sind es die Jahrgänge 1988/89. LIKRAT III steht unter der Leitung von Simon Erlanger, Historiker und Journalist, Erik Petry, Dozent am Institut für Jüdische Studien und Eva Pruschy, Bildungsbeauftragte des SIG. Simon Erlanger und Erik Petry lösen Herrn Prof. Alfred Bodenheimer ab, dem für seinen engagierten Einsatz an dieser Stelle herzlich gedankt sei. Über Likrat können Sie sich auch über die SIG Webseite www.swissjews.org informieren.

Projekt Schulvideo

Anlässlich der Konferenz der International Task Force on the Cooperation of Holocaust-Education in Triest, im Dezember 2004 wurde die Idee für die Produktion eines Schulvideos mit Interviews mit in der Schweiz lebenden Holocaust-Überlebenden an den SIG herangetragen. Dabei geht es um die Auseinandersetzung mit dem Schicksal einzelner Überlebender, welch die SchülerInnen mit ihrem persönlichen Schicksal direkt ansprechen und zur Reflexion über die Folgen von Vorurteilen, Rassismus und Antisemitismus führen soll.

Der SIG hat diese Anregung aufgenommen und weiterverfolgt. Natürlich sind wir uns bewusst, dass in Deutschland, Israel und den USA solche Dokumentationen bereits in viel grösserem Umfang existieren, jedoch nicht in der Schweiz. Es ist daher unsere Aufgabe, Schicksale von mit der Schweiz verbundenen Überlebenden zu dokumentieren und so den Zugang der Schweizer SchülerInnen zur Thematik viel direkter zu ermöglichen.

Unter der Koordination des SIG soll ein entsprechender Schulvideo bzw. DVD mit Beiheft für Lehrer (verfasst von Geschichtsdidaktikern) entwickelt werden.

Für eine Finanzierung werden der Verein Schweizer Freunde von Yad Vashem, der Bundesfonds für Menschenrechte gegen Rassismus und weitere auf Rassismusbekämpfung ausgerichtete Institutionen angefragt. Das Material soll in deutscher und französischer Sprache produziert werden. Der Pestalozzianum-Verlag hat Interesse bekundet das Produkt herauszubringen.


Beziehungen zu den Gemeinden

Wie im E-Newsletter 10-04 berichtet, hat der Ressortleiter Daniel A. Rothschild zusammen mit dem Generalsekretär Dennis L. Rhein nun sämtliche Mitgliedgemeinden des SIG besucht. und mit Vertretern des Vorstandes aktuelle Themen in Bezug auf das Verhältnis der Gemeinden zum Dachverband diskutiert.

Es ging bei diesen Gesprächen darum, die Befindlichkeit der Gemeinden und deren Erwartungen gegenüber dem SIG, aber auch die Erwartungen des SIG an seine Mitglieder zu besprechen.

Die Ergebnisse dieser Gespräche werden momentan ausgewertet und die Geschäftsleitung des SIG wird sich anlässlich einer Klausur intensiv damit befassen. Es wird dabei auch darum gehen zu diskutieren, wie der SIG die breite Palette von Meinungen und Bedürfnissen seiner vielfältigen Mitgliedsgemeinden unter einen Hut bringen kann. Schliesslich vertritt der SIG grosse, mittlere und kleine Gemeinden in der Deutschschweiz und der Romandie, orthodoxe und Einheitsgemeinden mit askenasischen und/oder sephardischen Mitgliedern. Auch das Verhältnis der GL zum CC und das von Delegierten aus Genf und Lausanne angesprochene Problem der Ressourcenverteilung zwischen der Deutsch- und der Westschweiz wird dabei ein Thema sein.

Die Geschäftsleitung wird die Ergebnisse der Klausur mit dem Centralcomité diskutieren und an der nächsten Delegiertenversammlung vorstellen.

Weiter hat Daniel A. Rothschild allen Gemeinden angeboten anlässlich von Gemeindeversammlungen ihren Mitgliedern die politische und erzieherische Arbeit des SIG näher zu bringen.


Jugend

Letztes Jahr fanden unter der Leitung von Michel Margulies (Romandie) sowie Esther Senecky und Nico Blumenfeld (Deutschschweiz) viele attraktive Aktivitäten statt. So z.B. ein Pfingsttreffen mit River Rafting, ein Wochenende mit den "Animateurs" aus Lausanne und La Chaux-de-Fonds, das Sommermachaneh in Lachen, eine Reise ins Elsass und das traditionelle Wintermachaneh im Fieschertal. Mit der Aktion "Zedaca" konnten fast Fr. 45'000.- gesammelt werden.

Dieses Jahr hat bereits eine Purimparty in Zürich und (bei Erscheinen des Newsletters) das Pfingsttreffen in Basel stattgefunden. Geplant sind ein Sommer- und ein Wintermachaneh sowie eine Reise nach Polen und Israel.


Koscherfleischversorgung

Dr. Rolf Halonbrenner informierte unter anderem über die Lage der Koscherfleischversorgung nach der Einreichung der Initiative "für einen zeitgemässen Tierschutz" des STS.

Er begann mit einer erfreulichen Mitteilung: Die Schlachtviehverordnung, in welcher die Bedingungen für den Import von Koscherfleisch geregelt wird, sieht ab dem 1. Januar 2005 die Versteigerung aller Importkontingente - also auch des Koscherfleischs - vor. Die hierzu vom SIG eingebrachten Anträge wurden von den zuständigen Behörden weitgehend berücksichtigt. Die Erfahrungen der ersten 4 Monate dieses Jahres haben gezeigt, dass die neue Regelung nicht zu einer Verteuerung des Koscherfleisches geführt hat.

Das Hauptaugenmerk liegt allerdings im Moment auf der Totalrevision des Tierschutzgesetzes. Der Ressortleiter verfolgt die Entwicklung und steht mit den zuständigen Behörden im steten Kontakt. Die Initiative des STS wurde im Ständerat einstimmig zur Ablehnung empfohlen. Allerdings hat er den Entwurf für das neue Tierschutzgesetz in einigen Punkten verschärft, welche aber die Versorgung mit Koscherfleisch nicht tangieren. Es scheint eher darum zu gehen, den Initianten entgegenzukommen und sie zum Rückzug ihrer Initiative zu bewegen.

Die vorberatende Kommission des Nationalrats hat sich in mehreren Sitzungen mit diesem Geschäft befasst. Die Kommission hat sich mit grosser Mehrheit (17 gegen 2 Stimmen) für eine Ablehnung der Initiative ausgesprochen. Der Nationalrat wird sich in der Sommersession mit diesem Geschäft befassen und es wird erwartet, dass auch dort die Initiative mit grosser Mehrheit abgelehnt werden wird.

Wir werden Sie an dieser Stelle weiter über die Entwicklung auf dem Laufenden halten.


Schriftenreihe des SIG

"Hilfe und Ohnmacht - der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die nationalsozialistische Verfolgung 1933 - 1945"

Gabrielle Rosenstein, welche innerhalb der GL die Federführung für dieses Projekt inne hatte und es auch eng begleitete, hob die Bedeutung dieses Werkes für den SIG hervor.

Zu diesem nun abgeschlossenen Forschungsprojekt ergriff der Gemeindebund selbst die Initiative. Dazu haben ihn verschiedene Gründe veranlasst. Erstens entsprach ein solches Projekt den Anliegen der historischen Aufklärung über das Schweizer Judentum, wie wir sie mit unserer Schriftenreihe seit längerem verfolgen. Zweitens existierte zwar bereits Literatur, die auf die Politik des SIG in der NS-Zeit einging - schon Carl Ludwig tat dies ansatzweise in seinem Weissbuch von 1957 und dann, weit ausführlicher, Jacques Picard in seiner Dissertation "Die Schweiz und die Juden" von 1994. Es gab aber keine Forschung, die die damalige Politik des SIG und seines Hilfswerks ins Zentrum stellte und systematisch untersuchte. Drittens kursierten über die Haltung des Gemeindebunds gegenüber seinen verfolgten Glaubensgenossen ungeklärte Gerüchte, die bereits in der fraglichen Epoche selbst aufkamen und bis heute nie ganz verstummten, Gerüchte, die teilweise dem Schweizer Judentum selbst die Verantwortung für eine antisemitische Behördenpolitik aufbürden wollten.

Der SIG sah sich in den Jahren 1933-1945 mit gewaltigen Herausforderungen konfrontiert: Die jüdische Gleichberechtigung im Inland wurde durch die Schweizer Faschisten in Frage gestellt, fand aber in den einheimischen Behörden und Gerichten nur halbherzige Verteidiger. Die jüdischen Auslandschweizer waren den nationalsozialistischen Verfolgungen ausgesetzt, aber die helvetische Diplomatie setzte sich nur zögerlich für sie ein. Die ausländischen Glaubensgenossen im Machtbereich der Nazis befanden sich in einer entsetzlichen Not, der man fast tatenlos zusehen musste. Die jüdischen Flüchtlinge erhielten in der Schweiz nur schützendes Asyl, wenn die einheimischen Juden die enorme Aufgabe der Flüchtlingshilfe übernahmen. Und schliesslich musste das Schweizer Judentum bei einem Einmarsch der Deutschen mit der eigenen Vernichtung rechnen.

In dieser übermächtigen, von präzedenlosen Vorgängen bestimmten Situation befand sich der SIG eigentlich von Vornherein auf verlorenem Posten: Als Dachverband einer kleinen, isolierten Minderheit verfügte er über keinen politischen Einfluss. Seine Ressourcen waren personell wie materiell sehr beschränkt. Und von seinem Selbstverständnis und seinen Erfahrungen her war er auf die hochpolitischen Aufgaben, die ihm in atemberaubender Kadenz zufielen, wenig vorbereitet.

Angesichts dieser Ausgangslage erbrachten die jüdischen Verantwortlichen insgesamt eine beachtliche Leistung. Dies gilt vor allem für die Flüchtlingshilfe, die ihnen in all den fraglichen Jahren weitaus den grössten Einsatz abverlangte und die die Tätigkeit des Gemeindebunds und seines Hilfswerks VSIA beziehungsweise VSJF weitgehend dominierte. Die Bereitschaft des SIG, ab 1933 für die Fürsorge und Weiterbringung der Flüchtlinge die alleinige Verantwortung zu tragen, rettete Tausenden von Menschen das Leben. Der dafür zu bezahlende Preis war hoch: enorme eigene Finanzleistungen, der unermüdliche Einsatz von zahlreichen Freiwilligen - aber auch eine unvermeidliche eigenen Verstrickung in eine antisemitische Behördenpolitik.

Zwei Phänomene ziehen sich wie ein roter Faden durch Mächlers Darstellung: zum einen die Isolation eines ohnmächtigen Gemeindebunds in einer am jüdischen Schicksal desinteressierten Mehrheitsgesellschaft, zum anderen die Rechtlosigkeit seiner Schützlinge, die bei den Zuflucht Suchenden grenzenlose Dimensionen annahm. Für die Gegenwart und Zukunft lassen sich daraus zwei Lehren ziehen: Erstens wird das Schweizer Judentum immer auf nichtjüdische Partner und Verbündete und vor allem auf eine demokratische Öffentlichkeit angewiesen bleiben. Zweitens müssen wir uns alle, ob Jude oder Nichtjude, hellhörig jeglicher Versuche erwehren, die, etwa im Asylbereich, die verfassungsmässigen Grundrechte oder völkerrechtliche Verpflichtungen verletzen - zumal Letztere nicht zuletzt als Antwort auf die genozidalen Verbrechen der NS-Ära entwickelt worden sind. Dies ist erst recht geboten, wenn von solchen Entrechtungen Menschen bedroht sind, denen verbreitet Vorurteile entgegenschlagen und für die sich keine lautstarke und mächtige Lobby einsetzt.

Die Geschäftsleitung hat dem Autor Stefan Mächler von Anfang an vertraglich seine Unabhängigkeit zugesichert, und er konnte seine gesamte Forschung mit deren vollem Rückhalt und ohne jeden inhaltlichen Beeinflussungsversuch von ihrer Seite durchführen und abschliessen. Diese Souveränität ist umso bemerkenswerter, da er doch Ereignisse untersuchte, die zentral an das kollektive Selbstverständnis der jüdischen Gemeinschaft rühren.

Anlässlich einer Pressekonferenz informierten Gabrielle Rosenstein als federführendes Mitglied der Geschäftsleitung SIG, Stefan Mächler als Autor und Prof. Dr. Alfred Donath als Präsident des SIG die in Basel anwesenden Journalisten.

Die vollständigen Referate finden Sie unter
http://www.swissjews.org/sites/maechler_rosenst.html,
http://www.swissjews.org/sites/maechler_donath.html
,
http://www.swissjews.org/sites/maechler.html

Stefan Mächler: Hilfe und Ohnmacht. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die nationalsozialistische Verfolgung 1933-1945, Band 10 der Schriftenreihe des SIG, Chronos-Verlag, Zürich 2005, 569 Seiten, 48 Franken.


Angeregte Diskussionen

Neben der Kommunikation wurden vor allem zwei wichtige Themen diskutiert. Das Verhältnis zwischen der Deutschschweiz und der Romandie und das Verhältnis zwischen der Geschäftsleitung und dem Centralomité sowie den Delegierten.

Deutschschweiz - Romandie

Einige Vertreter der Westschweizer Gemeinden hielten fest, dass den Bedürfnissen der Romandie innerhalb des SIG zuwenig Rechnung getragen wird . Es werde unverhältnismässig viel Geld in der Deutschschweiz verwendet und die Gemeinden in der Romandie würden auch in anderen wichtigen Bereichen zuwenig berücksichtigt. Die Frustration der Votanten über diese Situation war deutlich zu spüren. Eine Motion von Daniel Fradkoff von der Communauté Israélite de Genève, welche von der GL formell verlangte sich diesem Problem anzunehmen wurde vom Präsidenten, Alfred Donath, angenommen. Die Geschäftsleitung wird sich bereits an ihrer nächsten Sitzung mit diesem Thema beschäftigen. Ausserdem wird es sicher auch ein Thema an der Klausursitzung sein.

GL - CC

Von zwei Mitgliedern des CC wurde moniert, dass viele wichtige Geschäfte von der Geschäftsleitung ohne Konsultation oder Information des CC getätigt wurden. Auch dieses Dauerthema wird die GL an einer nächsten Sitzung diskutieren, gilt es doch mit einem neuen CC-Präsidium und einigen neuen CC-Mitgliedern in das nächste Geschäftsjahr zu gehen. Die Geschäftsleitung ist sich darüber im Klaren, dass eine gute Zusammenarbeit mit dem Centralcomité für eine fruchtbare Arbeit des Dachverbandes notwendig ist.


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