SIG Newsletter 5 / 25. Februar 2004

Ein Monat der Gespräche
Neuer alter Antisemitismus in Europa?
Ein Dokumentarfilm zum Geburtstag
Und eine Festschrift 100 Jahre SIG
Weiterbildungsseminar für jüdische Religionslehrerinnen und Religionslehrer
Neuer Jugendleiter SIG
Links

Ein Monat der Gespräche

Die Geschäftsleitung führte im letzten Monat wichtige Gespräche, welche die zukünftige Ausrichtung des Dachverbandes betreffen. So traf sie die Präsidentinnen und Präsidenten der 5 Einheitsgemeinden zu einer Aussprache. In der Diskussion wurden Fragen erörtert, die sowohl bei der Geschäftsleitung wie auch bei einigen Kleingemeinden und der Öffentlichkeit zu Diskussionen und Irritationen führten. Die Geschäftsleitung informierte die 5 Gemeinde-Präsidenten auch über ihre Sorge um die Einheit und Einigkeit innerhalb des SIG. Es handelte sich um eine offene Aussprache. Die fünf Präsidentinnen und Präsidenten haben ihre Ziele der GL dargelegt. Weitere Gespräche in dieser Runde sind vorgesehen.
Wie im letzten Newsletter 4/03 dargelegt, ist sich die Geschäftsleitung im klaren, dass in weiten Teilen der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz ein Unbehagen über den Entscheid der Delegiertenversammlung vom letzten Mai herrscht. Viele Juden der Schweiz wünschen sich einen Dachverband, welcher wirklich alle Juden der Schweiz vertritt. Die GL erachtet es deshalb als ihre vordringliche Aufgabe zu den genannten Themenkreisen konkrete Konzepte zu erarbeiten und diese innerhalb der SIG Gremien (Centralcomité und Delegiertenversammlung) zu diskutieren. Diese Aufgabe kann nicht einfach an Dritte delegiert oder ausserhalb des SIG bewältigt werden.

In diesem Sinne traf sich eine Delegation der Geschäftsleitung SIG mit einer Delegation der Plattform der jüdischen liberalen Gemeinden der Schweiz. An dieser Besprechung wurden mögliche Szenarien einer Zusammenarbeit diskutiert. Die Geschäftsleitung ist zuversichtlich, dass in absehbarer Zeit eine für beide Seiten tragbare Lösung für eine konstruktive - auf dem Entscheid der Delegiertenversammlung 1992 basierende - Zusammenarbeit gefunden werden kann.


Neuer alter Antisemitismus in Europa?

Auf Einladung des Jüdischen Medienforums Schweiz referierte am 3. Februar Prof. Dr. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin an der Universität Zürich zum Thema "Neuer alter Antisemitismus in Europa?" Werner Bergmann ist Mitverfasser des Antisemitismus-Berichts des Beobachtungszentrums der EU für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC).

Vor dem Hintergrund einer Fülle von Fakten zeigte Bergmann die Europäisierung der neuen Antisemitismus-Welle auf und verwies gleichzeitig auf die unterschiedlichen Voraussetzungen in den verschiedenen europäischen Gesellschaften. Seine Feststellung, der aktuelle Antisemitismus sei nicht mehr - wie frühere Antisemitismuswellen - einfach nach Rechts abzugrenzen, schärfte das Bewusstsein für die Fragestellungen, die uns in der gegenwärtigen Auseinandersetzung besonders herausfordern: in den multikulturellen Gesellschaften Westeuropas ist im Verlauf der vergangenen zwei Jahre eine prekäre Situation entstanden, mit der nicht nur die politischen Instanzen noch nicht umzugehen wissen. In dieser unsicheren, konfliktgeladenen Situation dringen antisemitische Stereotype leicht in die Mitte der Gesellschaft vor, Verschwörungstheorien gewinnen immer mehr Anhänger, alte judenfeindliche Bilder werden aktualisiert und lassen sich multifunktional verwenden und missbrauchen. Bergmann verwies auch auf die Salonfähigkeit antisemitischer Argumentationen - gerade auch an Universitäten. Und selbstverständlich erwähnte er auch die Medien, die in dieser Auseinandersetzung eine zentrale Rolle spielen.

Das Referat von Werner Bergmann können Sie auf der Internet-Seite www.juedisches-medienforum.ch lesen.


Ein Dokumentarfilm zum Geburtstag

Der SIG wird dieses Jahr 100 Jahre alt. Ein Grund zu feiern? Ja schon, aber auch ein Grund in sich zu gehen, zurückzublicken und einen Blick in die Zukunft zu wagen. In diesem Sinne hat die Geschäftsleitung der Journalistin und Dokumentarfilmerin Irene Loebell den Auftrag zu einem Dokumentarfilm erteilt. Irene Loebell will in ihrem Film nicht einfach eine historische Dokumentation des SIG darstellen, sondern eine Vorstellung davon vermitteln, was jüdische Gemeinschaft in der Schweiz unter dem Dach des SIG bedeutet. In einem konkreten Umfeld anhand von konkreten Menschen. Anhand dieser Menschen wird erfahrbar werden, was den SIG ausmacht, in der Gegenwart und der Vergangenheit. Seit der Gründung des SIG zieht sich das Spannungsfeld "Religion vs. Weltlichkeit" durch den Dachverband hindurch. In diesem Spannungsfeld zu stehen und zu bestehen, macht etwas Wesentliches der Substanz des SIG aus. Und dies will der Film einem jüdischen, aber auch nichtjüdischen Publikum zeigen. Das Projekt Dokumentarfilm wird aus Drittmitteln bestritten werden.


Festschrift
Jüdische Lebenswelt Schweiz
100 Jahre Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund

Die Festschrift wird vom SIG anlässlich seiner 100-jährigen Jubiläums herausgegeben und erscheint zur SIG-Delegiertenversammlung 2004.
Das Buch ist Ausdruck jener Vielfalt und Komplexität, die nicht nur die jüdische Lebenswelt, sondern das Leben in der Schweiz und in der Welt heute ganz allgemein prägen. Allein die Frage, was unter "jüdisch" zu verstehen wäre, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Ist dieses Wort religiös oder säkular zu verstehen, oder ist es national oder kulturell zu definieren, oder birgt es einen ethischen und zivilisatorischen Wert, oder streiten sich darin historische und aktuelle politische Deutungen?

Im Mittelpunkt dieses Buches stehen Beiträge von Autorinnen und Autoren aus den verschiedensten Erfahrungs- und Wissensbereichen, die divergierende Sichtweisen, Lebensbezüge und Wahrnehmungen zum Judentum, zur Schweiz, zu Schweizer Juden, zu Israel, Europa und weiteren Orten der Diaspora haben. Geschichtliche Aspekte - des SIG, des Verbandes Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen, des Bundes Schweizerischer Jüdischer Frauenvereine sowie der jüdischen Presse - sowie rechtliche, demographische und politische Themen, welche gerade für die einzelnen Gemeinden des SIG von Interesse für die Zukunft sein können, finden ebenso ihre Berücksichtigung wie das Schaffen von Jüdinnen und Juden in der Schweiz in den Bereichen Literatur, Theater, Musik und bildende Kunst. Über tiefere Deutungsgehalte des Judentums und seiner Beziehung zur Welt geben Erörterungen philosophischer, psychologischer, staatspolitischer und religionsgeschichtlicher Art Auskunft. Eng damit verknüpft ist die Frage der Identität(en), der sowohl anhand individueller Lebensentwürfe als auch allgemeiner Orientierungshorizonte, wie sie in einem pluralistischen Judentum heute existieren, nachgegangen wird. Schliesslich wird die, in den 1990er Jahren im Vordergrund gestandene, Auseinandersetzung mit der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und deren Implikationen noch einmal aus der gebührenden Distanz reflektiert.

Am Schluss der Festschrift steht ein detaillierter Überblick über die jüdischen Gemeinden und Einrichtungen in der Schweiz. Illustriert wird sie durch Kunstwerke von in der Schweiz lebenden Künstlerinnen und Künstlern.


Einladung zum Weiterbildungsseminar für jüdische Religionslehrerinnen und Religionslehrer

Das Ressort Ausbildung und Dialog des SIG veranstaltet am 14. März 2004 in Basel ein ganztägiges Weiterbildungsseminar zur jüdischen Religionspädagogik und Methodik in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Gemeinde Basel und der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Das Angebot richtet sich in erster Linie an die ReligionslehrerInnen an jüdischen Institutionen, aber auch an die Schulkommissionsmitglieder in den Gemeinden, welche sich mit jüdischer Bildung und Erziehung befassen und an alle an jüdischer Bildung interessierten Laien. Programm und weitere Informationen erhalten Sie auf www.swissjews.org/aufgaben/bildung.html oder durch die Bildungsbeauftragte, Frau Eva Pruschy, Tel. 043 305 07 65, eva.pruschy@swissjews.org.


Neuer Jugendleiter SIG

Ende März verlässt die Jugendleiterin des SIG, Monique Bino, die Schweiz und wird in England weiter studieren. Ersetzt wird sie durch Nico Blumenfeld, welcher bereits bei der Organisation und Durchführung des Wintermachanes massgeblich beteiligt war.


Aktuelle Links

Institut für Jüdische Studien der Universität Basel
Diese Website gibt Ihnen Einblick in das Institut für Jüdische Studien der Universität Basel. Sie erhalten auf dieser Website Einsicht über das Institut, das heisst über wissenschaftliche Tätigkeiten und die Menschen, die am Institut in Basel arbeiten oder andernorts als Forscher und Forscherinnen mit dem Institut wissenschaftlich verbunden sind.

Das Vorlesungsverzeichnis des laufenden und kommenden Semesters ist hier mit Inhalten und näheren Angaben kommentiert. Sie können sich sogar über Programme zurückliegender Semester informieren. Nützliche Texte, wie Vorlesungsskripte oder wissenschaftliche Pre-Prints, sind hier einzusehen und können heruntergeladen werden. Aktuelle Veranstaltungen mit den Mitarbeitenden sowie Ankündigungen kommender Tagungen und Seminare werden ebenso angezeigt wie nützliche Links zu Partnern und Freunden des Instituts.

Die einzelnen Seiten der Website zeigen Ihnen auch Bilder - Menschen im Institut, Ansichten von Basel oder auch Symbole in aller Welt, Arbeiten von Kunstschaffenden oder Angebote von Freunden unserer Tätigkeit.

Das Institut ist dem Leitsatz einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft verpflichtet. Wir nehmen den Auftrag zu Bildung und Forschung im säkularen Rahmen einer akademischen Einrichtung wahr. Das Institut bietet Menschen ein wissenschaftliches Dach unbesehen ihrer religiösen, kulturellen, ethnischen oder geschlechtlichen Identitäten.

www.jewishstudies.unibas.ch


Institut für Jüdisch Christliche Forschung der Universität Luzern
Als universitäre Disziplin ist die Judaistik jung. Im 19. Jahrhundert entstand im Gefolge der Emanzipation der Juden in jüdischen Kreisen eine "Wissenschaft des Judentums". Doch erst ab dem Zweiten Weltkrieg wurde das Fach Judaistik an europäischen, amerikanischen und israelischen Universitäten als selbständiges Fach entwickelt. Seither hat die Judaistik weltweit an Bedeutung gewonnen. Dies zeigt sich auch auf dem Campus Schweiz: Neben dem Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern (IJCF) besteht in Basel seit Herbst 1999 ein Institut für jüdische Studien.

Luzern war die erste Hochschule in der Schweiz, die Judaistik 1971 als universitäres Fach eingeführt hat. 1981 wurde das Institut für jüdisch-christliche Forschung gegründet. Gründer sowie Leiter des Institutes während 19 Jahren war Prof. em. Clemens Thoma. Am 1. Oktober 2001 hat Prof. Dr. Verena Lenzen die Professur für Judaistik, Theologie und Christlich-Jüdisches Gespräch sowie die Leitung des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern übernommen.

Unterdessen zählt das IJCF sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Studierende aus der ganzen Schweiz, die am IJCF Judaistik als Haupt- oder Nebenfach belegen.

www.unilu.ch/tf/5490.htm